I. Der Mann über der Stadt
Man stelle sich eine Stadt vor bei Nacht. Eine Stadt in ihrem Arbeitszustand: in den Leitungen Wasser, in den Stromspeichern Vorrat, in den Straßen Restwärme, in manchen Fenstern Licht, in anderen Schlaf, die Bahnen umkreisen in regelmäßigen Stößen den Stadtring, und über allem jenes unsichtbare, aber durchaus hörbare Summen der technischen Fürsorge, ohne das die großen modernen Gemeinwesen innerhalb weniger Stunden zu nervösen Ruinen würden. Ein Generator brummt, ein Router blinkt, einige Erasmus-Studenten von irgendwo wanken aus den Clubs, an einem Hauseingang trägt jemand eine Kiste und schließt eine Tür.
Und oben auf der Mauer, am Morgen, steht plötzlich einer und ruft: er allein habe den Feind ferngehalten, das Feld befriedet, die Stürme gebändigt. Man kennt diese Figur, schon immer eigentlich. Sie ist alt und trotzdem vollkommen gegenwärtig. Sie gehört in die Geschichtserzählung ebenso wie in den aktuellen Nachrichtenstrom der Feeds. Die Frage, um die es hier geht, ist: was wird aus einer Stadt, die beginnt, ihre Sicherheit nicht mehr an ihren Mauern, ihren Gesetzen, ihren Leitungen, ihren stillen Diensten zu messen, sondern an der Wucht und Präsenz eines Einzelnen?
Wenn Donald Trump von Politik spricht, spricht er ungern von Verwaltung, Verfahren, Grenzen oder Zuständigkeiten – eigentlich nie. Das wäre, gemessen an seinem eigenen Selbstentwurf, fast schon ein Missbrauch des Präsidentenamts durch zu viel Nüchternheit. Er spricht vom Größten, vom Noch-nie-Dagewesenen, vom Einmaligen. Er nennt sich den Mann, der Kriege beendet habe, sechs oder acht, und meint dafür geehrt werden zu müssen. Reuters hat diese Behauptungen geprüft, Konflikt für Konflikt, und gezeigt, dass mehrere der beanspruchten Befriedungen unvollständig blieben, fragil waren oder wieder in Gewalt zurückfielen. Gerade darin liegt der Ernst der Sache, man muss das sehen. Denn die Behauptung lebt nicht von ihrer Genauigkeit, sondern davon, dass sie das Maß verschiebt. Sie zieht, was viele Hände, viele Interessen, viele Apparate, viele Grenzen, viele Zufälle und viele Widerstände hervorbringen, in die Form eines einzigen Namens.
Das ist, wenn man es morphologisch sagen will, die erste Operation dieses Trumpschen Stils: das Viele wird in eine Personalhülle eingezogen. Aus Prozessen werden Zuschreibungen, aus Lagen Trophäen, aus Geschichte ein vorzeigbares Kurzvideo der eigenen Größe. Eine Reels-Version der Weltlage — wäre da nicht der Ernst, der unter der lässigen Coolness liegt, wenn aus der Air Force One heraus die Weltlage im Stehen kommentiert wird.
Das Problem ist nicht, dass der Mann übertreibt. Das Problem beginnt, wo Übertreibung aufhört, nur ein Stilfehler zu sein oder eine Verfehlung des Tons oder zur Form der Ordnung wird. Wenn einer (Trump) nicht bloß sagt, er habe gewirkt, sondern sagt, er habe die Kriege beendet, dann vergrößert er nicht nur seine scheinbaren Taten, sondern verkleinert zugleich die Wirklichkeit. Er macht aus Landschaften Kulissen und aus Bündnissen Werkzeuge, und am Ende aus der Geschichte eine Bühne mit gut gesetztem Spot.
So ist die Frage nach Trump keine Frage der Eitelkeit, sondern eine Frage der Form. Welche Form nimmt Macht an, wenn sie sich nur noch im Maß des eigenen Ichs erkennt? Welche Ordnung bleibt einer Republik, wenn ihre Bürger lernen sollen, auf die eine Stimme zu hören, um sie immer wieder zu wiederholen und in den vielfältigen medialen Ausspielungen zu kommentieren? Oder noch einmal anders, etwas technischer: Was geschieht mit einem politischen System, wenn es aus dem Raum der Institutionen in eine Expositionszone der Person übertritt?
Ein Amt ist wie eine Box, ein Gefäß. Ein Mensch ist kein Maß für die Welt. Wenn dieser beginnt, das Maß für den Welt zu werden, beginnt die Verwirrung.
II. Bloß keine klinische Diagnose, bitte
Man könnte nun, und es wäre die bequemste Abzweigung, das Terrain der Politik verlassen und in die Psychologie oder gar auf das Feld der Psychiatrie wechseln. Die Versuchung ist groß. Wo einer sich unablässig vergrößert, möchte man sein Inneres benennen und die Sache an die Wissenschaft delegieren, am besten mit einem klinischen Etikett, das im selben Atemzug Urteil und Entlastung wäre.
Davor sollte man sich aber hüten. Die American Psychiatric Association hält mit der Goldwater Rule daran fest, dass Psychiater öffentliche Figuren nicht ohne persönliche Untersuchung und Zustimmung diagnostizieren sollen. Das ist nicht nur Berufsethik, sondern auch eine kleine Lehre in intellektueller Disziplin. Nicht jeder, der sich aufbläht, ist deshalb schon ein Fall für die Klinik. Und nicht jedes politische Problem wird klarer, wenn man ihm einen medizinischen Stempel aufdrückt. Trump in Richtung klinischer Diagnosen delegieren zu wollen wäre nur die elegante Form des Rückzugs. Man erklärt sich den Gegenstand weg, der sich dadurch aber nicht von selbst auflöst.
Die eigentliche Frage ist: Was leistet Trumps Selbstüberhöhung politisch? Es reicht nicht zu sagen, Trump habe einen Hang zur Größe. Man muss sehen, wozu diese Größe dient. Ein Mensch kann sich überschätzen, ohne dass eine Ordnung daran zerbricht. Gefährlich wird es dort, wo aus der Überschätzung ein Organisationsprinzip wird, wo also Institution, Grenze, Verfahren, Amt und Wirklichkeit nur noch wie Zubehör der Person erscheinen, die im Zentrum stehen will.
Es geht also nicht um die Psyche als Innenraum, sondern um die Form, in der dieser Innenraum politisch zur Außenhülle wird. Eine symbolische Klimazone entsteht. In ihr wirkt alles, was begrenzt, als Kälte und alles, was vermittelt, als Verzögerung. Alles, was differenziert, als Verdünnung der Größe. Das ist der Moment, in dem politische Kommunikation beginnt, sich wie eine Immunarchitektur zu verhalten: Sie baut um die Person einen Schutzraum, in dem die Widersprüche der Welt nur noch in verarbeiteter Form zugelassen sind. Ein bisschen Wirklichkeit, ja. Aber bitte nur so viel, dass die Figur intakt bleibt.
Die politische Psychologie kennt für solche Phänomene nüchternere Begriffe. Forschung zu Trumps Kommunikationsstil beschreibt seine Sprache als grandios, informell und dynamisch. Es wird gesehen als ein Sprechen, das Nähe und Größe zugleich verspricht. Forschung zu narzisstischen Zügen bei US-Präsidenten zeigt wiederum eine doppelte Wahrheit: Solche Züge können mit Charisma, öffentlicher Überzeugungskraft und als „Größe“ wahrgenommener Führung einhergehen, zugleich aber auch mit Skandal, unethischem Verhalten und institutionellen Kosten. Gerade diese Doppelseite ist wichtig. Denn sie erklärt, warum Selbstüberhöhung nicht nur lästig, sondern attraktiv ist.
Die Figur des Übermaßes ist politisch nicht deshalb wirksam, obwohl sie riskant ist, sondern oft gerade deshalb. Sie bietet Verdichtung. Sie bietet Richtung. Sie bietet einen Innenraum gegen die Zerstreuung. Und wer in einer zerstreuten Zeit lebt, verwechselt Richtung leicht mit Wahrheit und Dichte leicht mit Tiefe.
Man muss also den richtigen Namen der Sache finden. Krankheit wäre falsch, allein Show reicht auch nicht. Eher ist es dies: eine Form personalisierter Machtkommunikation, in der Politik auf die Figur eines einzigen Handelnden zusammengezogen wird. Der Mann erscheint dann nicht mehr als Träger eines Amtes, sondern als Ursprung der Ordnung. Seine Worte sind nicht mehr nur Mitteilungen. Sie werden zu Signalen seiner Unentbehrlichkeit. Er wird zum Behälter von Erwartungen, Affekten, Kränkungen, Erlösungswünschen. Kurz: zur tragbaren Kurzfassung einer komplizierten Gesellschaft. Das klingt größer, als es ist. Aber auch das gehört zum Gegenstand. Das Amt wird kleiner. Die Person wächst. Und eine Republik lebt davon, dass das Amt immer größer bleibt als die Person, die es ausfüllen soll.
III. Die Sprache des Ausnahmefalls
Man erkennt einen Herrscher nicht zuerst an seinen Befehlen, sondern an der Art, wie er die Welt benennt. Wer wie Trump jedes Ereignis zum größten, schlimmsten oder herrlichsten erklärt, verändert die Zeit. Dann gibt es keine Abstufungen mehr, keine ruhige Mitte, keine Proportion. Es gibt nur noch Alarm oder Triumph. Amerikanische Medien haben beschrieben, wie sehr Trump die Formel liebt, man habe „so etwas noch nie gesehen“. Er gebraucht sie für Wirtschaft, Grenze, Militär, Gefahr, Erfolg, für einfach alles. Alles muss aus der Reihe fallen, damit auch der Sprecher selbst aus der Reihe fällt.
Die Hyperbel wird hier zum Medium, zur Luft, in der die Figur atmet und größer wird. Wenn alles an Trump außergewöhnlich ist, schrumpft die gewöhnliche Regierung. Und wenn gewöhnliche Regierung schrumpft, wächst das Bedürfnis nach dem außergewöhnlichen Mann. Die Hyperbel baut dann nicht nur eine Bühne wie ein Setdesigner. Sie baut einen Innenraum, einen Resonanzkörper, eine kleine republikanische Echohalle, in der alle Wege wieder auf die Person zurücklaufen.
Trump hat eine Verdichtungsform geschaffen, was im Grunde auch eine Kunst für sich ist. Alles, was weitläufig, widersprüchlich und mehrschichtig wäre, wird in eine auf den Sprecher zulaufende Achse gebracht. So dient seine Rede von den „acht Kriegen“ nicht einfach der Selbstbeweihräucherung, sie macht aus außenpolitischer Komplexität ein kurzes Video der Größe. Der Konflikt wird zusammengezogen, der Erfolg wird personalisiert. Das Publikum muss nicht mehr über Frontlinien, regionale Interessen, Geheimdienstlagen, Bündnisse, Verhandlungen, Eskalationskontrolle oder fragile Waffenruhen nachdenken. Es bekommt eine Figur und einen Satz. Beides ist leichter zu tragen. In mediologischer Hinsicht ist das fast ideal: maximale Person, minimale Reibung, hoher Wiedererkennungswert.
Worum also geht es? Trump hat es geschafft, Politik in das Format zu bringen, in dem sie heute am besten zirkuliert. Nicht nur als Inhalt, sondern als abrufbare Form. Ein Clip, ein Claim, ein Gesicht in Übergröße. Man könnte das nun mit süffisantem Lächeln als Banalität quittieren, aber das ist eine unglaublich schlaue kulturelle Anpassungsleistung. Und sie ist wirksam.
Die Forschungen der US-amerikansichen Kommunikationsforscher Ahmadian, Azarshahi und Paulhus erklären, warum das funktioniert. Grandiosität allein könnte lächerlich oder steif wirken. Informalität macht sie aber volksnah und die Dynamik energisch. Diese Mischung ist politisch wirksam, weil sie Übertreibung als Authentizität tarnt. Trump klingt groß, aber nicht feierlich. Er klingt übersteigert und zugleich so, als spreche er direkt aus dem Bauch. Genau das verleiht seiner Selbstvergrößerung Plausibilität. Sie erscheint nicht abgehoben (obwohl er ein klassischer Oberschichts-Tycoon ist), sondern unmittelbar.
Sein Kunststück besteht darin, Grandiosität im Modus der Improvisation auftreten zu lassen. Die Pose trägt Trainingsspuren, aber sie will spontan erscheinen. Das Pathos kommt im Stüssy-Hoodie — das ist jetzt übertrieben und in Bezug auf Trump das völlig falsche Bild, aber es trifft den Kern der Sache schon irgendwo.
Trumps Sprache lässt sich daher nicht allein durch Faktenprüfung erledigen. Faktenprüfung ist notwendig. Aber sie trifft oft nicht die eigentliche Funktion der Aussage. Der Satz „ich habe acht Kriege beendet“ will nicht nur geprüft werden. Er will Bewunderung auslösen, Empörung provozieren, Größe befestigen. Er soll eine Form von Macht hörbar machen. Wer ihn nüchtern korrigiert, wirkt schnell kleinlich; wer ihn glaubt, fühlt sich an Größe angeschlossen. Hier zeigt sich eine alte Asymmetrie: Das Faktum arbeitet langsam, das Bild schnell. Die Gegenwart hat diese Asymmetrie nicht erfunden. Aber sie hat die Asymmetrie technisch vervielfacht und dadurch wirkungsvoll gemacht.
Diese Sprache ist wirksam, weil sie entlastet. Sie nimmt der Wirklichkeit ihre Widerstände und gibt sie als Bild zurück. Das Bild ist größer als die Tatsachen, und oft auch brauchbarer für die Stimmung. Es funktioniert wie eine politische Kapsel: innen Einfachheit, außen Komplexität. Wer eintritt, atmet leichter. Die Übertreibung ist ein Werkzeug. Sie hebt den Sprecher über die Dinge.
IV. Warum das übergroße Ich politisch funktioniert
Warum folgt man einem Mann, der sich ständig vergrößert? Weil diese Vergrößerung etwas erledigt. Sie nimmt dem Vielen seinen Widerstand und gibt dem Vielen ein Gesicht. Die Bürgerin und der Bürger in all ihren Spielarten leben in einem Gewebe aus Behörden, Gerichten, Fristen, Ausschüssen, Märkten, Bündnissen, Gegengewichten, Akten, Kabeln, Logistik. Nichts daran ist tröstlich! Demokratie ist im Betrieb oft ganz und gar prosaisch. Und da tritt der große Sprecher hervor und verspricht die Abkürzung. Ich bin der Wille, der das ordnet. Ich bin die Hand, die das löst. Ich bin der Mann, der die Kriege beendet.
Viele hören darauf nicht, weil sie etwa dumm wären. Das ist die Lieblingsberuhigung des gebildeten Feuilletons, und wie fast alle Lieblingsberuhigungen analytisch vollkommen wertlos. Viele Menschen hören auf solche Führerpersönlichkeiten, weil das geordnete, begrenzte und geteilte Werk der Institutionen ihnen zu kleinteilig geworden ist – die Kleinteiligkeit hinterläßt erschöpfte Wesen. Man könnte auch sagen: Sie wechseln aus dem offenen System der Verfahren in die symbolische Kapsel der Person.
Forschung zu grandiosem Narzissmus bei Präsidenten zeigt genau diese Ambivalenz. Grandiosität kann mit öffentlicher Überzeugungskraft, Dominanz und als Größe wahrgenommener Führung zusammenhängen. Das überrascht nur den, der Menschen für rein vernünftige Wähler hält. In Wahrheit haben politische Gemeinschaften immer auch nach Gestalten verlangt, nicht nur nach Programmen. Sie wollen eine sichtbare Figur, an die sich Last und Hoffnung heften lassen. Doch darin liegt die Gefahr. Denn dieselbe Grandiosität, die Bewegung stiftet, kann die Ordnung beschädigen. Dieselbe Ausstrahlung, die Menschen sammelt, kann die Institutionen entwerten, auf denen ihr Zusammenleben ruht. Das Charisma wirkt dann wie eine provisorische Überdachung: Es gibt Schutz vor Unübersichtlichkeit, aber kein Fundament.
Trump versteht diesen Bedarf instinktiv, besser jedenfalls als die meisten. Er bietet sich nicht als Verwalter der Lage an, sondern als Antwort. Wo andere von Verfahren und Verhandlungen sprechen, spricht er von Sieg und Beendigung; und wo andere Grenzen nennen, nennt er sich. Darin liegt seine politische Begabung. Und darin liegt sein Risiko. Denn je mehr die Welt als Echo des eigenen Willens erscheint, desto geringer wird die Fähigkeit, sich einer Ordnung zu beugen, die über den Willen hinausreicht.
Der Führer wird dann zum Resonanzkörper einer Gesellschaft, die ihre eigene Zersplitterung satt hat. Das erklärt viel, entschuldigt aber nichts.
Die Selbstüberhöhung leistet also mehr als Selbstschutz. Sie vereinfacht, indem sie Komplexität auf einen Namen zieht; sie entlastet, indem sie dem Bürger die Mühe des Abwägens nimmt; und sie bindet, weil sie aus Politik eine Beziehung macht. Diese Bindung ist das Entscheidende. Der Anhänger sagt dann nicht mehr nur: Dieser Mann vertritt meine Interessen. Er sagt, oft ohne es auszuformulieren: In seiner Größe bin ich selbst weniger verloren.
So entsteht ein Innenraum geteilter Übertragung. Der Führer wächst, und auch die Anhänger leben von geliehener Maßstabsvergrößerung. Hier kippt das Politische ins Existentielle. Die Figur des Führers wird nicht mehr nur gewählt, sondern gewissermaßen bewohnt. Das ist der eigentliche Gewinn des übergroßen Ichs: Es bietet nicht bloß eine Lösung an, sondern Form. In einer zerstreuten Welt ist das viel. Vielleicht zu viel. Denn jede Form, die alles verspricht, beginnt irgendwann, alles andere zu verdrängen.
V. Von der Hyperbel zur Regierungsweise
Ich erwähnte es bereits: Man macht es sich zu einfach, wenn man Trumps Sprache als bloße Show behandeln wollte. Der Kommunikationsforscher Brian Ott äußerte die Beobachtung, dass die Art, wie Trump spreche, sich in die Art, wie er regiere, übersetze. Wenn Sprache die Welt nur in Extremen darstellen kann, dann erzeugt sie auch extreme politische Antworten. Aus der Rhetorik wird ein Milieu und aus dem Milieu ein Regierungsmodus.
Was bedeutet das?
Erstens geraten institutionelle Vermittlungen unter Druck. Wenn der Führer die Lösung personal verkörpert, wirken Verfahren, Verzögerungen, Konsultationen, Kompromisse und Zuständigkeitsfragen wie Störungen. Nicht weil sie objektiv überflüssig wären, sondern weil sie die Dramaturgie des Ausnahme-Ichs bremsen. Die Politik der Selbstvergrößerung verträgt sich schlecht mit institutioneller Demut. Sie lebt davon, dass der Weg vom Problem zur Person möglichst kurz erscheint. Alles, was dazwischenliegt, wirkt dann wie Reibungsverlust — oder, in populärer Übersetzung, wie Sabotage.
Zweitens verändert sich der Umgang mit Wahrheit. Reuters’ Prüfung der Kriegsbehauptungen zeigt, wie groß die Distanz zwischen politischer Erzählung und belastbarer Lagebeschreibung sein kann, ohne dass die Erzählung ihre Wirkung verliert. Zwar wird bei diesen Erzählungen klassischerweise auch gelogen – aber das ist nicht vordergründig das Problem. Es ist die Verschiebung des Maßstabs. Aussagen werden nicht mehr primär daran gemessen, ob sie präzise sind, sondern daran, ob sie Stärke hörbar machen. Ein Satz kann faktisch schwach und symbolisch sehr stark sein. In einer personalisierten Politik reicht das oft schon. Wahrheit wird dann nicht abgeschafft. Sie wird in eine Nebenrolle versetzt.
Drittens verändert sich das Verhältnis von Krise und Führung. Wer sich als einmalige Lösung inszeniert, braucht eine Welt, die nach einmaligen Lösungen aussieht. Die Krise darf nicht verschwinden. Sie muss groß bleiben, wenigstens im Bild. Nur eine beispiellose Lage rechtfertigt die beispiellose Person. Darum arbeitet die Sprache des Ausnahmeführers fast notwendig mit Dauererregung. Alles steht ständig auf dem Spiel, alles ist letzte Frist, letzter Kampf, letzter Test. Das Publikum soll nicht in einer Ordnung wohnen, sondern in einer Lage. Die Lage ist der Treibstoff der Figur. Ohne sie müsste der Ausnahmeakteur sich in Verfahren einrichten, und dort sieht er auffällig gewöhnlich aus.
Gerade darin liegt die Nähe zur autoritären Versuchung. Nicht jeder grandiose Führer ist autoritär. Aber jede Politik, die Macht systematisch um die eigene Person zentriert, setzt Institutionen unter symbolischen Entwertungsdruck. Der Führer erscheint dann als lebendige Lösung, das Verfahren als tote Form, das man getrost als „zu behäbig, uninnovativ oder gestrig“ beschimpfen darf. Kontrolle wird zu Kleingeist. Widerspruch zu Illoyalität. Grenze zu Behinderung. Das geschieht oft nicht mit einem Schlag, sondern durch Gewöhnung und Wiederholung. Durch die langsame Verschiebung dessen, was als normal gilt. Man könnte von einer stillen Umbesetzung des politischen Innenraums sprechen. Die Möbel bleiben zunächst dieselben. Nur der Zweck des Raumes ändert sich.
Die Ironie liegt darin, dass sich eine solche Politik oft als besonders „realistisch“ inszeniert. Trump spricht gern so, als sage er endlich, wie die Dinge wirklich sind, während andere sich in Floskeln und Rücksichtnahmen verlieren. Tatsächlich konstruiert diese Form der Rede eine eigene Wirklichkeit. Sie lebt von Teilwahrheiten, strategischer Überdehnung und einer dauernden Zentrierung auf die eigene Person. Das macht sie robuster als bloße Fiktion und gefährlicher als bloßes Theater. Sie ist halb Behauptung, halb Architektur. Und wie jede Architektur verlangt sie Gewöhnung, bis man vergisst, dass man auch anders wohnen könnte. Ein Staat zerfällt nicht erst, wenn seine Mauern brechen. Er zerfällt früher, wenn seine Formen verachtet werden. Und Formen werden zuerst in der Sprache beschädigt.
VI. Die Republik und die Größe
Was geschieht mit einer Demokratie, wenn Selbstüberhöhung von einer persönlichen Disposition zu einem Organisationsprinzip der Politik wird?
Die erste Folge ist der Verlust an institutioneller Fairness. Oder besser: einem Verständnis dessen, was faire Verfahren leisten. Demokratien leben – für manche leider – von Verfahren, Zuständigkeiten, Korrekturen, Grenzen, Kompromissen und der Fähigkeit, Macht in Formen zu binden, die bedrohend wirken dürfen. Gerade diese Nüchternheit ist zivilisatorisch kostbar. Eine Politik der Selbstvergrößerung (wie sie Trump praktiziert) arbeitet dagegen. Sie bevorzugt das Spektakuläre, das Unmittelbare, das Personale. Langsame Institutionen erscheinen dann blass gegenüber der Figur, die alles verspricht und jeden Zweifel als Schwäche markieren kann. Die Demokratie wird so von einem bewohnbaren Regelraum in eine Erregungsarchitektur umgebaut. Das ist nicht immer auf den ersten Blick sichtbar, aber sicherlich auf Dauer deutlich spürbar.
Die zweite Folge ist der Verlust an Zurechnungsfähigkeit. In einer stark personalisierten Politik wird alles zugleich vereinfacht und vernebelt. Vereinfacht, weil ein Name alle Konflikte bündelt. Vernebelt, weil die tatsächlichen Ursachen und Zuständigkeiten dahinter verschwinden. Wer glaubt, ein Präsident habe acht Kriege beendet, muss nicht mehr verstehen, wie internationale Konflikte funktionieren. Wer glaubt, derselbe Präsident rette zugleich Wirtschaft, Frieden, Grenze und Ordnung, verliert den Blick für die dichte, durch und durch uncharismatische Wirklichkeit moderner Staatlichkeit. Demokratie braucht aber gerade diese Zurechnungsnüchternheit. Ohne sie wird Politik zu einer Abfolge affektiver Zuschreibungen. Dann lebt man nicht mehr in einer res publica, sondern in einer semipermanenten Expositionszone der Führungsfigur.
Die letzte Folge betrifft das Verhältnis des Bürgers zum Staat. Statt als Mitträger einer Ordnung erscheint das Publikum zunehmend als Publikum im eigentlichen Sinn: als applaudierende, empörte, enttäuschte oder ergriffene Zuschauerschaft. Das ist der tiefere Sinn einer populistischen Bewegung. Sie verwandelt Bürger nicht nur in Wähler eines Programms, sondern in Zeugen einer Figur. Die Bindung verläuft weniger über Institutionen und Inhalte als über Affekte von Bewunderung, Kränkung und Zugehörigkeit. Wer die Figur kritisiert, kritisiert nicht nur Politik. Er greift ein Beziehungsgewebe an. Die Bürger werden so aus Mitbewohnern des politischen Hauses zu Nutzern eines personalisierten Bedeutungsraums, wechselhaft erregt, je nach Tag.
Darin liegt die besondere Resistenz solcher Führungsformen gegen Widerlegung. Reuters kann zeigen, dass Trumps Friedensbilanz gemischt, instabil oder überzogen ist. Wen hat das überzeugt, der nicht schon vorher davon überzeugt war? Politisch wirksam bleibt allenthalben die Figur des Mannes, der wenigstens behauptet, Frieden gestiftet zu haben. Die Behauptung ist Teil seiner Identität und der Identität seiner Anhänger. Sie wird nicht nur geglaubt. Sie wird gebraucht. Das Bild hat sich vom Beleg gelöst und zirkuliert nun mit eigener Schwerkraft.
Was beunruhigt ist die Tatsache, dass viele Kommentatoren Phänomene wie Trump – aber auch solchen wie dem europäischen Rechtsextremismus – mit moralischer Abneigung begegnen und denken, mit Haltung allein wäre es getan. Die Frage ist, wie Demokratien auf politische Formen reagieren, in denen Führung systematisch mit Vergrößerung a la Trump zusammenfällt. Man kann eine solche Politik nicht dadurch neutralisieren, dass man sie nur verspottet. Spott entlastet das Publikum, aber selten die Institutionen. Man muss verstehen, warum sie wirkt. Welche Bedürfnisse sie bedient, welche Medienlogik sie verstärkt, welche Leere sie füllt. Und welche Kosten sie am Ende erzeugt.
Trumps Selbstüberhöhung ist weder bloße Show noch sinnvoll als klinischer Sonderfall zu behandeln. Sie ist eine moderne Form personalisierter Machtkommunikation, die in Mediendemokratien besonders anschlussfähig geworden ist. Sie arbeitet mit Grandiosität, weil Grandiosität Orientierung simuliert. Sie arbeitet mit Hyperbeln, mit starken Übertreibungen in allen Formen, weil Hyperbeln Führungsenergie sichtbar machen. Sie arbeitet mit Selbstzentrierung, weil Selbstzentrierung Komplexität unterwirft. Gerade deshalb ist sie demokratisch riskant, weil sie in einer erschöpften Öffentlichkeit auf beunruhigende Weise plausibel wirkt. Sie ist, wenn man so will, die kompatible Großform einer überfordernden Gegenwart. Der Satz, Trump habe acht Kriege beendet, ist das Modell in Kurzform. Eine Demokratie, die sich an solche Führungsfiguren gewöhnt, die sich selbst fortwährend vergrößern müssen, wird gegenüber den eigenen Institutionen auf Dauer klein.




