Essay

Der Junge auf dem Pferd

Foto: Aliyah Jamous, Unsplash
Zwei schwarze Pferde stehen nebeneinander auf einer Wiese, mit einem bewölkten Himmel im Hintergrund.

Im Song Mädchen auf dem Pferd, dem Sommerhit von 2023, singt ein Junge zum Mädchen: „Komm, sag mir deinen Namen und ich werd ihn für dich buchstabieren. Dann inhalieren und nie verlieren…“

In dem Lied sitzen zwei Menschen auf einem Pferd. Der eine vorne, die andere hinten. Zweitere kann (noch) nicht schreiben und kommt auch ansonsten in dem Lied nicht zu Wort.

Diesen Faden fortspinnend erzähle ich hier einen vom Jungen auf dem Pferd. Davon, wie der Junge zum Mann wird.

Und was alte, weiße Männer darüber schreiben.

Meine Mutter war pferdeaffin. Alles fängt bei meiner Mutter an.

Doch ich erinnere mich nicht an schöne Erlebnisse, von denen sie erzählte, sondern nur daran, dass sie als Kind von einem Pferd gebissen wurde.

Auch meine Arbeits- und Lebenspartnerin blickt auf eine, wie sie selbst sagt, „Pferdemädchenvergangenheit“ zurück. Sie war es, die mich fragte, ob wir ein Projekt zu Pferden machen wollen.

Ich habe nie ein besonderes Verhältnis zu Pferden gehabt.

Zwei beige, runde Divider-Elemente auf einem hellen Hintergrund.

Als Kind war ich mit meinem Patenonkel auf einem Pferdehof. Da hatte ich Angst, dass die Pferde mich mit ihren großen Zähnen in den Finger beißen. Bis ich auf einem saß.

Als ich dann realisierte, ich werde nicht wie Ronja Räubertochter durch den Wald und über umgestürzte Baumstämme reiten, sondern mein Patenonkel wird das Pferd die ganze Zeit an der Leine führen, da war ich maßlos enttäuscht.

Auf dem Pferdehof spürte ich wohl das erste Mal jene Angst, die mir die Kehle zuschnürt: Dass sich das schöne Leben stets woanders abspielt.

Im Angsthaben, Traurig- und Enttäuschtsein entwickelte ich über die Jahre eine Expertise; und mit diesem, meinem depressiven Erleben unterschiedliche Umgangsweisen. In meinen Zwanzigern war es Drogennehmen, z.B. Alkohol und Ketamin.

Apropos: Unter Einfluss von Ketamin im Cocktail mit Steroiden, Kokain und Meth gewann die Stute Halina Jibay auf Malta ein Trabrennen Dieser Einschub wirft ein Licht auf Leistungsdruck im Spätkapitalismus am Beispiel von Pferderennen, bei denen 2018 allein in den USA über 500 Pferde verstarben.

2019 begann ich eine Langzeit-Suchttherapie. Es folgten Gesprächs-, Gruppen-, Paar- und Körpertherapien.

Heute nehme ich Medikamente, mache weiter Therapie und treibe viel Sport. Am liebsten laufe ich durch den Wald.

Die längste Zeit waren Menschen zu Fuß unterwegs. In der Menschheitsgeschichte hieß Menschsein meist Nomad*insein. Meine Krankenkassen-App schreibt: Ein durchschnittlicher menschlicher Körper ist darauf ausgerichtet, 20 bis 40 Kilometer täglich zu laufen.

Zwei beige, runde Divider-Elemente auf einem hellen Hintergrund.

Gehen wir noch weiter zurück: Die eurasische Steppe, eine riesige Landschaft, die sich von China bis ins östliche Österreich erstreckt. Ich stelle mir vor, ich stehe vor 30.000 Jahre im Herzen dieser Steppe, in Zentralasien: In der Ferne ein Gebirgszug, auf der Ebene davor schimmert das Gras gülden im Abendlicht. Der Himmel grün und pink. Das Säuseln des Windes, sonst nichts.

Ich male mir aus: In dieser Kulisse steht ein braunes Pferd. Es schaut zu mir rüber. Wir schauen uns an. Dann wirft es die Mähne zurück als wolle es sagen, „Was soll’s“, und senkt den Kopf, um Gras zu essen.

Ich sehe: Da sind mehrere Pferde, es ist eine Herde. Still grasende Wildpferde in ewiger Steppe. Nur manchmal ein Schnauben, wenn eins sich noch tiefer in die Situation hineinentspannt.

Da bewegt sich etwas im hohen Gras: Eine Gruppe Menschen in Lederkleidung lauert. Einige robben in Richtung der Pferde. Sie haben Speere.

Ein Pfiff! Die Menschen springen aus der Deckung, kommen von verschiedenen Seiten. Panisch stiebt die Pferdeherde auseinander. Die Menschen haben sich ein Tier mit lahmem Bein ausgeguckt – sie kreisen es ein. Das Pferd schlägt aus. Eine wirft ihren Speer. Trifft! Die Vorderbeine des Pferds knicken weg.

Die Pferdezähne zerkauten noch bis eben Gras und bauten daraus Pferdefleisch auf.

Am Lagerfeuer sitzen die Menschen und kauen auf dem Pferdefleisch. Sie nutzen das Pferd als Energielieferanten, indem sie es essen.

Die Menschen kommen auf den Geschmack. Bis 8.000 vor Chr. sind Pferde so stark bejagt, dass sie fast ausgestorben sind.

Man beginnt Pferde in Herden zu halten, ohne Zäune und Ställe. Natürliche Barrieren wie Flüsse und Gebirgszüge helfen, die Tiere unter Kontrolle zu halten. Die Menschen essen Pferdefleisch, trinken Pferdeblut und Stutenmilch. Sie gewöhnen einzelne Tiere stärker an sich und beginnen Pferde als Packtiere zu nutzen.

Eines Tages setzt sich der erste Mensch auf den Rücken eines Pferds. Wie ein Raubtier sitzt er ihm im Nacken – das Pferd wirft ihn ab.

Für das Einreiten eines Pferds braucht es viel Geduld und auf Seiten der beteiligten Menschen die Bereitschaft mehr oder weniger Gewalt auszuüben.

Reiten ist ein Wechselspiel zwischen Druck und Entspannung.

Irgendwann gelingt es einem Menschen sich auf dem Pferderücken zu halten. Von zwei Beinen kommt er zurück auf vier.

Zwei beige, runde Divider-Elemente auf einem hellen Hintergrund.

Auf Pferden fangen die Menschen mehr Pferde ein. Sie beginnen, Pferde auf abgeschlossenen Koppeln zu halten, zu züchten und domestizieren, um sie noch besser reiten zu können.

Die Energie im Pferdefleisch wird nicht mehr einmalig, qua Verzehr, sondern das Pferd als Erzeuger von Bewegungsenergie genutzt, schreibt Raulff in Das letzte Jahrhundert der Pferde.

Angetrieben durch Pferdeenergie nimmt die Geschichte der Menschen Fahrt auf. Dabei geht es nicht um die Zentren, sondern Peripherien, darum, trockene, karge Gegenden zu durchkreuzen.

Tausende Kilometer an Straßen werden für Menschen auf Pferden gebaut.

Währungen, Gewichts- und Maßeinheiten, Schriften, Papier, Buchdruck, Religionen, Stahl und Schießpulver verbreiteten sich mit Menschen auf Pferden um die Welt. Das Lokale wird global. Mit Menschen auf Pferden kommen die indoeuropäischen Sprachen nach Europa und die Pest.

Reiter, schreibt Rüstow, erscheinen auf dem Schauplatz der Geschichte als neue, gewaltig überlegene ‚Menschenrasse‘.

Pferde stehen für gezähmte Kraft, für Kontrolle über Körper.

Am ersten Kreuzzug sind ebenso viele Menschen wie Pferde beteiligt.

Sich auf Pferden durch die Welt zu bewegen wird zum Vorläufermodell dafür, sich auf Schiffe zu setzen, woanders hinzufahren und zu kolonialisieren. Reitend errichten Menschen ausgedehnte Herrschaftsbereiche und schaffen die Machtasymmetrien, die noch heute wirkmächtig sind.

Geschichte Version 1: In den Amerikas waren Pferde ausgestorben als die Spanier*innen diese, von den Maur*innen übernommen, ins heutige Mexiko brachten. Pferde wurden in die Amerikas also durch Weiße wiedereingeführt.

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Geschichte Version 2: Indigene Gesellschaften in den Amerikas, etwa die Lakota, ritten schon vor Ankunft der Weißen auf Pferden. Pferde sind in den Kosmologien dieser Kulturen seit jeher tief verankert.

Ende des 17. Jahrhunderts entwischten den spanischen Kolonialist*innen jedenfalls tausende Pferde im Tal des Rio Grande – die Vorfahren der Mustangs. Und: Die ersten Westernfilme wurden Horse Operas genannt.

Zwei beige, runde Divider-Elemente auf einem hellen Hintergrund.

Mit meinem Schulfreund Felix war ich nach dem Abi in Südamerika. Wir hörten Manu Chao, trugen gehäkelte Fischerhüte und fuhren mit öffentlichen Bussen übers Land.

Wir waren schlecht auf diese Reise vorbereitet, nicht mal einen Reiseführer hatten wir dabei, nur eine ungefähre Landkarte der Region. Auf dieser Karte sah ich „Pantanal“ – das war hier!? Darüber hatte ich zu Hause eine Naturdoku gesehen: Eine weitläufige Sumpflandschaft randvoll mit Anacondas und Alligatoren. Da musste ich unbedingt hin.

Mit einem Jeep ließen wir uns in den Sumpf fahren und kamen in einem Camp an, wo wir in Hängematten schliefen, was sehr aufregend war.

Am nächsten Tag konnten wir zwischen Piranhafischen oder Reiten wählen. So saß ich das zweite Mal auf einem Pferd. Wir waren zu viert: Eine brasilianische Touristin, der, wie er sich selbst nannte, ‚Pferde-Junge‘ Pepino, Felix und ich.

Pepino stellte uns die Pferde vor, meins hieß Marihuana. Wir wurden direkt auf die Pferderücken gesetzt, kurz in die Handhabung eingeführt: Mit den Fersen dem Tier in die Seiten drücken ist Gas; die Zügel nach recht oder links, um zu lenken; nach hinten ziehen zum Bremsen. Und ein kleines Stöckchen mit der Hand heben, nur andeuten, nicht wirklich schlagen: der Turbo.

Ich probierte es aus, gab etwas Gas, rechts, links, Bremse – das funktionierte einwandfrei. Da wollte ich den Turbo austesten. Ich hob das Stöckchen auf Kopfhöhe und saß, Minuten nachdem ich das erste Mal auf einem Pferd ohne Leine saß, auf einem im gestreckten Galopp über eine sumpfige Wiese preschenden Ross. Gerade so schaffte ich es, oben zu bleiben, fühlte Todesangst und pures Glück zugleich und zog die Bremse.

Friedlich ritten wir durch den Nachmittag. Ich war ziemlich dicht.

Nach einer Weile musste ich pinkeln. Harndrang ist unmännlich, dachte ich damals, und für meine Unmännlichkeit und all die Zeichen von Schwäche schämte ich mich. Still und heimlich entfernte ich mich von der Gruppe. Hinter einer Baumgruppe stoppte ich das Pferd. Irgendwie stieg ich ab und pinkelte an einen Baum.

Als ich ohne Unterstützung wieder aufsteigen wollte, passierte es: Mit dem Turbo-Stöckchen in meiner Hand kam ich dem Pferd sehr ungünstig ans Auge. Es zuckte zurück, schaute erschrocken und rannte davon. Am Rande eines Wäldchens blieb es stehen. Ich kam näher, das Pferd wich zurück.

Pepino kam und erfasste die Situation. Er holte das Pferd, hielt es an den Zügeln fest, sodass ich wieder aufsteigen konnte.

Wir ritten weiter.

Die brasilianische Touristin und Pepino setzten sich von der Gruppe ab, wir merkten es erst zeitversetzt. Felix und ich ritten alleine. Langsam setzte die Dämmerung ein. Wir bewegten uns über eine weite, grasbewachsene Ebene, oben am Himmel ein einziger Stern. Da schauten Felix und ich uns tief an und machten es, wie Pepino es uns zuvor gezeigt hatte: Wir ließen die Zügel los und im Autopiloten trugen die Pferde uns zurück ins Camp – ich auf dem Pferderücken mit schlechtem Gewissen.

Da muss ich an die schwangeren Islandstuten denken, denen mit dicken Kanülen literweise Blut abgezapft wird, um daraus Hormone zu gewinnen, mit denen man die Fruchtbarkeit von Schweinen in der Massentierhaltung synchronisiert.

Ein durchschnittlicher Mensch ist ein Siebtel so stark wie ein durchschnittliches Pferd. 1 PS = 7 Menschenstärken. Ich glaub, mich tritt ein Pferd.

1834: Der erste Mähdrescher wird von 40 Pferden gezogen. Die Landwirtschaft wird industriell.

Pferde sind die gezwungenen Geburtshelfer der Moderne, schreibt Raulff. Jetzt sind sie auch in den Zentren, die Städte des 19. Jahrhunderts wachsen mithilfe von Pferdekraft.

Paris 1840, die Verkehrswende wurde vollzogen, man geht kaum mehr zu Fuß, sondern fährt. Fiaker, Coupés, Landauer, Ein- und Zweispänner… Peitschen, Hufklappern, Pferdeäpfel, alles voller Fliegen.

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New York 1880: Die pferdebetriebenen Straßenbahnen befördern jährlich 160 Millionen Fahrgäste. Die zahllosen Arbeitspferde werden in mehrstöckigen Pferdegaragen untergebracht.

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In großen Städten gibt es damals mehr Verkehrstote als heute.

Ich male mir eine enge Gasse aus, Marktstände und Pferdevehikel. Ein Windstoß, der eine alte Zeitung aufwirbelt – das Pferd vor einem Einspänner erschreckt sich und geht durch. Seine Angst springt auf andere Pferde über, sie agieren als Herde; eine Pferdemassenpanik bricht aus, in der viele Menschen totgetrampelt werden.

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Es gibt drei Möglichkeiten, Pferde-Verkehrsunfälle zu vermeiden:

1. Vollbremsung des Wagens

2. Schnelle Bedeckung der Pferdeaugen

3. Trennung der Tiere vom Wagen

Doch ein Risiko bleibt: Der „Hafermotor“ lässt sich nicht einfach abschalten wie ein Verbrennungsmotor. Das Automobil erlöste uns von all diesen Problemen.

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Ich stelle mir ein Rennen vor, in dem Pferde gegen Autos antreten. Motorsport ist die Fortsetzung des Pferdesports mit anderen Mitteln.

Zwei beige, runde Divider-Elemente auf einem hellen Hintergrund.

Der Reitsport entwickelte sich aus dem Reiten als Kriegstechnik. Heute ist er eine der wenigen Sportarten, in der Menschen verschiedener Geschlechter gegeneinander antreten.

Der Einsatz von Pferden auf den Schlachtfeldern vergrößerte das Ausmaß und die Intensität der gewaltsam ausgetragenen, zwischenmenschlichen Konflikte.

Auf dem Rücken von Pferden starteten Mongol*innen Invasionen, durch die 40 Millionen Menschen zu Tode kamen.

Doch in vielen Kriegen fielen mehr Pferde als Menschen. Pferde sind größere Ziele, sie sind leichter zu treffen.

Im amerikanischen Bürgerkrieg kamen dreimal so viele Pferde wie Menschen um.

An der Westfront des Ersten Weltkriegs betrug die Lebenserwartung eines Artilleriepferds zehn Tage.

In der Feldpost von meinem Urgroßvater steht: Um die gefallenen Kameraden sei es nicht allzu schade. Aber die zahllosen toten Pferde täten ihm doch sehr leid.

Die Freikorpsmänner der Weimarer Republik, welche sich in einem Sportverein fanden und später in der SA formierten, hatten ihre Pferde sehr lieb.

Der soldatische Mann darf sein Pferd mehr lieben als eine Frau, schreibt Theweleit, weil das Minderwertige, das Weibliche vernichtet werden muss.

Am ersten Tag des zweiten Weltkriegs trifft eine Gruppe polnischer Lanzenreiter auf eine deutsche Panzertruppe. Steigbügel an Steigbügel galoppieren die Pferde mit den polnischen Kavalleristen auf die Reihe der Panzer zu. Maschinengewehrfeuer, Pulverdampf…

Der Hälfte der Pferde mit ihren Reitern gelang es, zwischen den Panzern hindurch zu springen. Die andere Hälfte liegt tot oder sterbend im Matsch.

Im zweiten Weltkrieg wurden das letzte Mal richtig viele Pferde in einem Krieg eingesetzt. Mehr als je zuvor.

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Auf Pferden ritt man ins Maschinenzeitalter.

Hier käme die Anekdote von einem Soldaten mit posttraumatischer Belastungsstörung, der mit MDMA und Pferdetherapie behandelt wurde. Gegen seine Depressionen bekam er Ketamin.

Später baute dieser Soldat einen Lebenshof für ausgemusterte Rennpferde auf, um sie vor dem Schlachthof zu bewahren.

Mit dem Bedeutungsverlust der Kavallerien wurde Reiten eine ‚Frauen-Domäne‘. Was sich im Krieg bewährt, bietet oft das Potential für großen Freizeitspaß.

Doch etwas sitzt mir im Nacken.

Auf den Schlachtfeldern dieses Planeten verbreiteten Pferde einst Schrecken, während sie selbst so schreckhaft sind.

Heute müssen Pferde nur noch selten Menschen niederreiten, zum Beispiel bei Demonstrationen.

In manchen Volksglauben wird Pferdeschnauben als Zeichen gedeutet, dass der Tod nah ist.

Denn immer erwartet man vom Hauch der Tiere, dass er sich zu unerhörten Worten formt, schreibt Canetti.

Das Wort Mähre bedeutet ‚ausgelaugtes, mageres Pferd‘. Mahr ist ein anderes Wort für den Alb, der sich nachts auf meine Brust drückt und Alpträume auslöst. Der Nachtmahr reitet mich. In Nightmare vereint das Pferd den Horror der Menschheit in sich.

Im Moment, in dem die apokalyptischen Reiter mit ihren Pferden auftreten.

Und ich sah ein fahles Pferd. Und der daraufsaß hieß Tod, und die Hölle folgte ihm nach. Und ihnen ward die Macht gegeben, zu töten, steht in der Bibel.

Ich weiß nicht, ob ich mehr Angst vor Pferden hab oder mit ihnen. In ihren großen Augen spiegelt sich die Angst.

Etwas sitzt mir im Nacken.

Der Wechsel zwischen Druck und Entspannung.

Das ‚Ich‘ ist ein Reiter, der die überlegene Kraft des Es-Pferds zügeln muss, behauptet Freud.

Zwei beige, runde Divider-Elemente auf einem hellen Hintergrund.

Keta – kurz für Ketamin – wird in der Partyszene auch Pferdebetäubungsmittel genannt. Kommt die Substanz bei Pferden zum Einsatz, wird sie mit anderen Beruhigungsmitteln wie Xylazin gemischt, was, vermischt mit Fentanyl, einen Großteil der Drogentoten in den USA mitbedingt.

Auf Menschen wirkt Ketamin in höheren Dosen betäubend und dissoziativ. Das bedeutet, im Rausch lösen sich etwa die Grenzen zwischen Körper und Mitwelt oder Sein und Nicht-Sein auf.

Ein ehemaliger Nachbar von mir klaute einmal einen ganzen Karton voll Ketamin-Fläschchen aus einer Pferdearztpraxis. Es folgte eine Keta-Schwemme bei uns im Haus.

Voll auf Keta machte ich eine Nahtoderfahrung, bei der ich knapp unterhalb der Zimmerdecke schwebte und mich unten tot auf meinem Sofa liegen sah. Dabei war ich durchdrungen von dem Gefühl, das sei richtig und gut.

Ketamin wirkt außerdem schnell und stark antidepressiv.

Die Droge versöhnte mich mit dem Gefühl, dass ich keine Daseinsberechtigung hab.

Könnte ich in diese Zeit zurückreisen, würde ich mich sanft an der Schulter fassen und in eine Klinik einweisen.

Zwei beige, runde Divider-Elemente auf einem hellen Hintergrund.

Das Trauerpferd ist seit der Antike Symbol für gefallene Könige und Kämpfer. Beim Staatsbegräbnis von Ronald Reagan, dem Cowboy-Präsidenten, lag der Sarg auf einem von sechs weißen Pferden gezogenen Fuhrwerk. Dahinter schritt ein einzelner Fahnenträger. An dritter Stelle kam ein gesatteltes, unruhig tänzelndes, braunes Pferd ohne Reiter. In seinen Steigbügeln Reiterstiefel in verkehrter Richtung.

Als junges Mädchen ritt meine Partnerin in den Ponyhofferien langsam über ein sonnenüberflutetes Stoppelfeld. Plötzlich gab es einen Ruck und Stute Mandy sackte unter ihr zusammen und war tot.

Meine Partnerin fühlt sich bis heute schuldig – als habe sie das Pferd totgeritten.

Ein Witz: Ein Cowboy geht zum Friseur. Kommt er wieder raus, ist sein Pony weg.

Wie die deutschen Kolonialist*innen aus Namibia abzogen, ließen sie ihre Pferde in der Wüste zurück, wo diese verwilderten.

Heute, in der Klimakatastrophe, sind die Namibpferde durch die zu große Trockenheit vom Aussterben bedroht.

Ich habe in meinen Zwanzigern noch so manche Fernreise gemacht. Die letzte in die Mongolei, wieder mit Felix. Da saß ich das dritte und letzte Mal auf einem Pferd. Reiten in mongolischer Endlosigkeit.

Das Pferd, auf das ich gesetzt wurde, sah aus wie ein Przewalski-Pferd und hatte das Hakenkreuzbranding mongolischer Neonazis auf seinem Arsch. Schon nach ein paar Schritten wollte es nicht mehr und blieb einfach stehen. Der Rest der Gruppe verschwand am Horizont. Ja, auch Felix wartete nicht.

Irgendwann kam einer der Pferdemänner zurück und wollte mein Pferd am Zügel mitziehen. Doch da stieg ich schon ab – etwas geübter diesmal. Und sagte so etwas wie, dass ich keinen Bock mehr auf den Horse-back-shit hab, und stapfte zum Auto.

Pferde waren für mich die längste Zeit meines Lebens wie Motorräder, vor denen ich Angst hatte, solange ich nicht auf ihnen saß; und die ich, wenn sie denn funktionierten, mit schlechtem Gewissen fuhr.

Bei der Recherche für das Pferde-Projekt besuchte ich den Kindheits-Ponyhof meiner Partnerin. Dort erteilte ihre frühere Reitlehrerin mir erste Lektionen in Pferde-Körpersprache: Wie steht das Pferd? Ist es mir zugewandt? Wie guckt es mich an? Was machen seine Lippen? Die feine Fältelung der Lippen allein weist die mimische Komplexität eines menschlichen Gesichts auf, lernte ich.

Und auch bei Pferden ist der Kopf ein privater Bereich. Bevor man einem unbekannten Pferd die Hand auf die Stirn legt, sollte man sich kurz fragen, wie sehr man es mag, wenn fremde Menschen einem ins Gesicht fassen.

Pferde mögen es außerdem nicht, erfuhr ich, wenn man sie tätschelt. Besser wäre, es so zu machen wie Pferde untereinander: Sich gegenseitig an Stellen zu kratzen, an die man selber nicht kommt.

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Auf dem Ponnyhof verbrachte ich das erste Mal Zeit alleine mit einem Pferd, ohne auf ihm zu sitzen. In einer großen Halle stand mir Kestrel, ein weißer Fellpony-Hengst, gegenüber. Wir guckten uns an.

Ich probierte mein neuerworbenes Wissen anzuwenden und seine Körpersprache zu lesen: Wie stehen seine Ohren? Neugierig, ja freundlich blickte der Hengst mich an. Er schnaubte ab. Ich seufzte und versuchte auch mich zu entspannen – Kestrel würde mich nicht plötzlich beißen.

Doch was sollten wir jetzt zusammen machen? Kestrel an schwer erreichbaren Stellen zu kratzen, traute ich mich nicht.

Also begann ich zu laufen.

Um mich bei den Pferden auf dem Hof durch Vorwissen beliebt zu machen, vielleicht auch als Vorbereitung auf eine mögliche Tier-Werdung, hatte ich in den Tagen zuvor auf YouTube einige Hobbyhorsing-Tutorials geguckt. Im Schritt lief ich in der Halle im Kreis. Kestrel stand in der Mitte und folgte mir mit seinem Blick. In der nächsten Runde steigerte ich mein Tempo zum Trab. Und als ich rüberschaute, gab Kestrel sich einen Ruck und lief los – kurz fühlte ich mich gejagt. Doch der Hengst hielt Abstand und lief mir nach. Wir hobbyhorsten zusammen (bzw. war es für ihn ja mehr als ein Hobby). Wunderbar trabend rannten wir am Ende zusammen – ich vorne, er hinten – im Kreis.

Seit diesem Nachmittag denke ich, wenn ich im Wald laufe, oft mit zarten Gefühlen an Kestrel. Dann stelle ich mir vor, wie schön es sein könnte, zusammen zu laufen, mit mehreren Pferden, im Schutze einer Herde…

Ich habe meine Mutter nochmal gefragt, wie das bei ihr damals war. Dass ich nur die Erinnerungen hatte, dass sie einmal von einem Pferd gebissen worden war, war sicher meinem Depri-Blick geschuldet. Denn jetzt erzählte sie mir, was für eine intensive Freundschaft sie besonders mit einem Pferd verband: Ein riesiger Hengst, dessen Koppel auf dem Weg zu ihrer Grundschule lag.

Eines Tages stellte das Pferd sich längs zum Zaun, der sie trennte, und meine Mutter stieg auf den Zaun und von da aus weiter auf‘s Pferd.

Es wurde eine heimliche Gewohnheit, dass meine Mutter nach der Schule ohne Sattel und Zügel das riesige Pferd ritt. Sie hielt sich an der Mähne fest und preschte über die weitläufige Koppel. Und auf einem sandigen Weg sprangen die beiden über umgekippte Baustämme… Wieder und wieder flog meine Mutter vom Pferd, tat sich dabei aber nie etwas.

Mein Drogenmissbrauch, lernte ich in Therapie, war ein Ersatzstoff für meine Sehnsucht nach Verbindung.

Manchmal wurde ich im Rausch tollkühn und hatte Sex mit Menschen, mit denen ich sonst keinen Sex gehabt hätte.

Barebacking bedeutet ‚Reiten ohne Sattel‘ oder im übertragenen Sinn ‚Sex ohne Kondom‘.

Zwei beige, runde Divider-Elemente auf einem hellen Hintergrund.

Die Recherche für das Pferde-Projekt führte mich schlussendlich auf ein Areal, auf dem Wildpferde leben. Wildpferde, lernte ich, sind nie schlimm verspannt. Denn anders als Reitpferde, welche die längste Zeit in ihren Boxen rumstehen, bewegen sie sich viel und abwechslungsreich.

In der steppenartigen Landschaft stutzen die Pferde den Rasen und schaffen damit Sonnenplätze für seltene Reptilien. Sie beißen an den Trieben von Büschen, was bei diesen zu verstärktem Wachstum und zu einer dichteren Außenschicht führt, die Brutvögeln Schutz vor Beutegreifer*innen bietet. In den kleinen Wasserlöchern ihrer Hufspuren gedeihen vom Aussterben bedrohte Insekten.

Den Druck wegzunehmen am richtigen Punkt

Eins der Wildpferde trat aus der Herde und trottete auf mich zu. Ich kriegte Angst. Doch die Pferde-Expertin, mit der ich unterwegs war, sagte, es sei alles ok.

Das Pferd kam sehr nah. Mit seinen großen Nasenlöchern roch es an meinem Gesicht und schnaubte mich an. Ich versuchte, mich nicht zu bewegen. Mit den Lippen begann es, sanft am Ärmel meines Hemdes zu knabbern. Es wolle mich nicht beißen, erklärte die Expertin, sondern mein Fell pflegen. Offenbar habe es mich bereits in seine Herde integriert.

Das fand ich sehr nett.

Im Song Mädchen auf dem Pferd heißt es am Ende:

„Komm, steig von deinem Ross, denn without you I am lost (…) Ich bin dein Iron Man, du meine Barbie.“

Runter von den Pferdekörpern heißt: runter mit den Pferdestärken. Auf eigenen Beinen stehen. Sich vor Augen führen, was uns geritten hat, in was wir uns geritten haben. Das reiterlose Pferd am Ende westlicher Zivilisationen zu sehen.

Bei all den Therapien, die ich gemacht hab, war nie Pferdetherapie dabei. Ein Anteil von mir wird immer der Junge auf dem Pferd bleiben.

Doch das Glück der Erde liegt für mich nicht auf dem Rücken der Pferde. Sondern vor allem die unterschwellige Angst vor der Gewalt, die ich mir und andern antue; die Angst vor dem Fall.

Kamin mit flammendem Feuer in einem gemütlichen Raum, umgeben von neutralen Farben und sanfter Beleuchtung.

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